Brahman – das Prinzip der Wiederkehr
Brahman ist das höchste Prinzip der Wiederkehr, weil es das Einzige
ist, das nicht selbst in den Kreislauf hineingestellt ist, sondern ihn
trägt wie ein unendlicher Hintergrund.
Wenn Wiedergeburt überhaupt möglich sein soll, dann reicht es nicht,
dass Körper vergehen und neue entstehen, und es genügt auch nicht,
dass ein Bewusstsein in einzelne Biografien zersplittert. Es braucht
etwas, das all diese Bewegungen umfasst – etwas, das weder entsteht
noch vergeht und deshalb alles aufnehmen kann, was im Strom der
Existenz auftaucht. Dieses tragende Feld nennen die Weisen Brahman.
Und sie tun dies nicht aus religiöser Gewohnheit, sondern weil jede
tiefere Betrachtung auf einen Punkt führt, an dem das Formlose selbst
der einzige beständige Horizont ist.
Brahman ist kein Gott unter Göttern, sondern eher die unsichtbare
Grundlage, aus der jedes Gottesbild überhaupt erst entstehen kann. Es
ist das Formlose, das Bewusste, das Ewige, das nicht als „etwas“
gedacht werden kann, sondern eher wie ein Raum ist, der nie begrenzt
wurde. In ihm reflektieren die Götter, die Welten und sogar die
Naturgesetze nur Aspekte seines Glanzes. Damit der Kreislauf des
Lebens Bestand haben kann, muss Brahman das höchste Prinzip bleiben,
denn nur etwas, das vollkommen unbegrenzt ist, kann die unzähligen
Formen aufnehmen, sie tragen und wieder freigeben, ohne selbst
verändert zu werden.
Jede Wiedergeburt wäre sinnlos, wenn es keinen Hintergrund gäbe, der
die Kontinuität zwischen den Leben wahrt.
Wenn der Körper stirbt, zerfällt die äußere Gestalt, doch das
Wesentliche an einem Menschen – die feinen Spuren von Gedanken,
Eindrücken und inneren Tendenzen – löst sich nicht ins Nichts auf.
Diese subtilen Muster verweilen im Bewusstseinsfeld Brahmans, wie
Funken, die von einem Feuer emporsteigen und eine Weile im
Unsichtbaren schweben, bevor sie wieder aufleuchten. Brahman sammelt
diese Überreste nicht im materiellen Sinn ein, sondern als
Erinnerungen des Seins, als latente Möglichkeiten, die noch nicht
abgeschlossen sind. In ihm ruhen die Samen einer neuen Gestalt, und
sie kehren zurück, wenn die Bedingungen reif sind, wie ein altes Echo,
das im richtigen Moment wieder hörbar wird.
So wird Brahman zum Ursprung, Träger und Vollender des Kreislaufs.
Ohne Brahman gäbe es kein Gedächtnis der Welt, keine Verbindung
zwischen den Leben, keine Kontinuität im Wandel. Alles würde versinken
wie Spuren im Wasser, die kein Fundament haben.
Doch weil Brahman ist, kann auch die Wiederkehr sein. Und weil die
Wiederkehr möglich ist, entfaltet sich das Leben nicht nur als ein
einzelnes Schicksal, sondern als ein weiter Bogen, der von Erfahrung
zu Erfahrung führt.
Doch die Weisen betonen immer auch den anderen Weg: Wer Brahman
erkennt, sieht über den Kreislauf hinaus.
Denn der Kreislauf existiert nur, solange man sich mit dem
vergänglichen Teil seiner selbst identifiziert, mit dem, was Spuren
hinterlässt. In dem Moment aber, in dem man erkennt, dass das eigene
Wesen nicht dieser wandernde Funken ist, sondern der Raum, in dem er
erscheint und vergeht, endet die Notwendigkeit der Wiedergeburt. Man
kehrt nicht mehr zurück, weil es kein „Zurück“ mehr gibt. Was bleibt,
ist das, was immer war – das Höchste, das Brahman genannt wird, das
sich weder bewegt noch wandelt und doch alles bewegt und wandelt, was
jemals erscheint.
In diesem Erkennen fällt die Identität mit dem Werden ab, und das Sein
ruht in seiner eigenen Vollständigkeit.
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