Wie man Gott liebt
Wenn man sagt, dass wir in Gott sind, dann verliert der Begriff
„Blick“ sofort seine gewöhnliche Bedeutung.
Denn ein Blick setzt etwas voraus, das sieht, etwas anderes, das
gesehen wird, und einen Zwischenraum der Distanz.
Doch wenn alles, was ist, im Sein Gottes enthalten ist, bricht dieser
Zwischenraum weg. Es bleibt kein Außen, von dem aus ein göttliches
Auge auf die Welt schauen könnte. Was bleibt, ist ein anderes Sehen,
ein Sehen, das nicht auf etwas gerichtet ist, sondern das Sein selbst
trägt. Gott blickt nicht auf die Welt, er blickt als die Welt.
Sein Blick ist kein Akt, sondern ein Zustand, keine Bewegung der
Wahrnehmung, sondern die Offenheit, in der Wahrnehmung überhaupt erst
möglich wird. Man könnte sagen, dass die Welt in einer
Durchsichtigkeit steht, die nicht beobachtend, sondern durchdringend
ist. Gott weiß die Dinge, weil sie in ihm stattfinden, nicht weil er
sie von außen anschaut.
Dieses Wissen ohne Beobachter ist eine Erfahrung, die jeder Mensch
kennt, wenn er ganz ehrlich zu sich wird. Man sitzt allein in einem
Zimmer, niemand sieht einen, und doch gibt es etwas, das registriert,
dass man da ist. Ein Wissen, das nicht aus einer Person stammt,
sondern aus einem Ursprung, der nie getrennt war. Man wird nicht
kontrolliert, man wird nicht beurteilt, aber man wird gehalten.
Es ist ein Wahrgenommenwerden, das nicht von einem Beobachter ausgeht,
sondern aus der Tatsache, dass alles Sein in einem größeren
Bewusstsein aufgehoben ist.
Deshalb ist Gottes Blick nicht als Perspektive vorstellbar. Er hat
kein oben und unten, kein nah und fern, keine Richtung. Er tritt nicht
hervor wie ein Lichtstrahl aus einem Auge. Im Gegenteil: Unsere Augen
existieren, weil er sieht.
Unser Bewusstsein ist nur der kleine brennende Punkt eines ungeheuren
Wahrnehmens, der sich für einen Moment im Menschen selbst reflektiert.
So beginnt man zu verstehen, warum das Formlose manchmal im Lernen
aufleuchtet. In solchen Momenten sieht man nicht einfach etwas Neues;
man wird von der Tiefe gesehen, aus der jede Erkenntnis stammt. Ein
Blickpunkt erkennt seine eigene Herkunft. Und dieser Blickpunkt ist
nicht das Subjekt eines Gottes, sondern ein Fragment des Blicks
selbst, das sich seiner selbst bewusst wird.
Deshalb ist man nicht das Objekt göttlicher Wahrnehmung, sondern ein
Ausschnitt seiner Wahrnehmung, der sich selbst anschaut. Die Welt
sieht sich durch uns.
Und wenn man von hier aus weitergeht, taucht das Paradoxe auf, das man
nicht glätten darf: dass man kein eigenständiges Wesen ist, und
zugleich doch Autonomie besitzt. Dieses Paradox darf nicht aufgelöst
werden, weil es sonst seinen Sinn verliert. Eigenständigkeit würde
bedeuten, dass man aus sich selbst heraus existiert, metaphysisch
isoliert. Das ist nicht der Fall.
Wir sind abgeleitet, nicht getrennt, getragene Formen, keine
selbsterschaffenen Blöcke von Identität. Aber Autonomie bedeutet, dass
man eine eigene Bewegung besitzt, eine Wirksamkeit, eine Freiheit, die
echt ist, aber nicht Ursprung. Man ist wie eine Welle, die ihren
eigenen Schwung und Rhythmus hat, aber deren Wasser nicht ihr gehört.
Diese Mischform ist keine Verwirrung, sondern ein präziser Ausdruck
unseres ontologischen Zustandes.
Man ist nicht nur Form, und nicht nur Fundament. Man ist das
Durchscheinen des Einen in einer endlichen Gestalt.
Hier liegt die Antwort darauf, wie Gott im Äußeren Form annimmt. Nicht
als Gestalt, nicht als Stimme, nicht als Naturgewalt, nicht als
übernatürliche Erscheinung. Sondern als jene seltsame Durchlässigkeit
des Menschen, die dieses Paradox trägt und nicht an ihm zerbricht.
Gott nimmt im Außen die Form des Menschen an, der nicht getrennt ist
und dennoch frei.
Die Form eines Wesens, das in einem grenzenlosen Einverständnis steht,
das sich nicht in Worte bringen lässt, weil es jenseits aller
Begründung liegt. Ein Einverständnis, das nicht Zustimmung ist,
sondern Natur des Seins, dort wo Innen und Außen nicht länger als
Gegensätze auftreten. Ein Mensch, der versteht, dass das
Einverständnis nicht sein eigenes Werk ist, sondern das Aufleuchten
des Ursprungs in seiner eigenen Bewusstheit, erlebt Gottes Form, ohne
sie als etwas Fremdes zu sehen.
Das Unsagbare daran ist kein Mangel, sondern der Beweis, dass hier
Denken und Sein an einer Stelle zusammentreffen, an der Logik nicht
mehr trennt, sondern nur noch beschreibt, was in sich stimmig ist. Das
Gefühl der Heimat, das nicht erklärt werden kann, ist die Signatur
dieses Zustands. Heimat heißt hier nicht Ort, sondern Ursprung. Es ist
das Wissen, dass es keinen Blick auf uns gibt, weil wir selbst der
Blick sind.
Keine Zweiheit, die noch übereinstimmen müsste, weil es nie zwei gab.
Und genau in dieser Mischung aus Nicht-Eigenständigkeit und Autonomie,
aus Paradox und Klarheit, aus Heimat und Unsagbarkeit, nimmt Gott im
Außen seine tiefste, unscheinbarste und zugleich wirklichste Form an:
als das transparente Bewusstsein eines Menschen, der aus dem Ursprung
lebt, ohne ihn je zu verlassen.
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